Verfehlte Vorstellung…
Mein heutiger Eintrag soll ein wenig die falschen Bilder und Vorurteile aus dem Weg räumen, die so mancher Deutscher vielleicht hat, wenn es um Japan geht. Meine Meinung und meine Ansichtsweise werden diesen Eintrag, so wie alle in diesem Blog, beeinflussen, von daher muss sich am Ende doch jeder selbst ein Bild machen, aber vielleicht kommt der ein oder andere ins Grübeln, wenn er diesen Eintrag liest.
Was ich vor meinem Herkommen gedacht hab: Viel Tradition, Manga/Anime, krasse Trends (Visual Kei,…), endlose Höflichkeit, Sushi, Nerds,…
Die Tatsache, dass die oben aufgeführten Punkte gar nicht mal so viele sind, zeugt schon davon, dass wir am Ende doch alle keine Ahnung hatten…ich werde aber langsam Punkt für Punkt abklappern, um ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.
Kultur und Tradition:
Sicherlich ist Tradition hier wichtig: die Tempelbesuche, die Schreine, der Respekt,….
Allerdings ist es eher eine „Gewohnheit“ als etwas, was dem Einzelnen wirklich etwas bedeutet. Natürlich ist der Respekt den Eltern, Lehrern und Älteren gegenüber wichtig, aber nicht anders als bei uns in Deutschland „wächst“ dieser Respekt erst mit der Zeit, wenn man merkt, was man anderen Leuten zu verdanken hat. Jeder hat mal über einen Lehrer gelästert und jeder hat mal gedacht, seine Eltern seien gemein (und haben das auch lautstark geäußert). Letztendlich sieht man aber ein, dass diese Leute Respekt verdient haben, für das was sie tun und für was sie sich einsetzen. Nicht anders ist es hier. Diese große Rolle, die man dem Respekt zuschreibt liegt vielleicht an den vielen Namen, die man für die verschiedenen Stufen verwendet. „Senpai“ in der Schule oder im Beruf, „Shachou“,“Kachou“ und wie sie alle heißen, in den verschiedenen Stufen in der Firma, und, und, und.
Die Strenge mit der man versucht dieses Rangsystem aufrecht zu erhalten ist was das Familienleben betrifft wohl mittlerweile nur noch bei den Älteren wirklich präsent. In den Schulen wird es durch die Lehrer weitergegeben und von dort aus in die Firma. Japaner folgen dem Strom, und wenn der angibt: „Du hast darauf zu hören, weil das deine Position vorschreibt!“ dann ist das so, wobei man die Fähigkeiten des Einzelnen außer Acht lässt.
Was Tempelbesuche und generell das typisch-asiatisch „kulturelle“, wie Kabuki, Sumo, etc. angeht, war ich sehr überrascht. Der Kleinste Teil weiß genauer über irgendetwas Bescheid. Wenn man an einen Tempel oder Schrein kommt, wirft man GENERELL ein wenig Geld in ein Loch und ?betet?. Die Fragezeichen bei dem beten sollen darauf hinweisen, das wohl keine tiefere Bedeutung daran liegt, als eine Abfolge von Bewegungen, die darauf folgen müssen, zu tun, damit man tatsächlich ein wenig glücklicher wird. Diese Bewegungen sind bei Schrein und Tempel aber verschieden und nicht selten verwechseln auch Japaner diese Rituale und klatschen um Tempel und verbeugen sich dreimal im Schrein. Auch nur wenige Japaner waren je beim Sumo. Erstens sind die Karten teuer und zweitens ist es gar nicht so verbreitet. Es gibt hier und da Sumo-Hallen, die einzige bekannte, wo die „Großen“ kämpfen ist aber in Tokyo. Jeder findet es toll und ist stolz auf die angebliche „Nationalsportart“. Man kennt die stärksten Kämpfer, aber manch einer kennt nicht einmal die Regeln.
So ist das. Ich will die Japaner damit nicht kritisieren. Ich weiß wer Schiller und Goethe sind, aber so manch ein Gedicht ordne ich auch dem Falschen zu… Ich hab es nur anders vermutet.
Manga/Anime:
Das hat mich, als großen Manga Fan schon etwas mehr getroffen, dass die Japaner gar nicht so begeistert davon sind. Jeder hat vielleicht mal einen Manga in der Hand gehabt, aber so beliebt sind sie hier auch nicht. Die, die man in der Öffentlichkeit mal mit einem Manga in der Hand sieht, sind eher Leute, die so wirken, als hätten sie wenige soziale Kontakte und wissen nicht, wie man solche knüpft. Der Manga-Club in der Schule besteht aus Nerds, die außer Manga nichts haben.
Anime laufen auch nicht 24 Stunden ohne Ende. Natürlich gibt es solche Sender, aber so gibt es auch „Animax“ oder ähnliches bei uns. Einmal am Abend läuft eine Anime Folge, die dann in der nächsten Woche fortgesetzt wird. Im Moment läuft Dienstags Bleach, Mittwochs Naruto,…. Da sind Animes bei uns schon eher vertreten, wenn man ab und zu RTL2 einschaltet.
Was in Japan große Beliebtheit hat, sind riesige Second-Hand Kaufhäuser. Die größte Kette ist wohl „Off-House“, die mit „Book-off“ extra Shops für Bücher, Dvds/CDs und Games hat. Neben den Manga gibt es dann noch die Abteilung mit Miniaturfiguren, oft leicht bekleidete, weibliche Katzenmenschen oder was auch immer. Durch die Regale schlendern größtenteils unrasierte, beleibte Herren um die 20…ich kann förmlich SEHEN, wir sie schwer atmend die Figuren genauer betrachten…
Das nennt der Durchschnittsjapaner „Otaku“ und nein, das ist ganz sicherlich NICHT cool. Otakus sind GRUSELIG! Hierbei möchte ich aber sagen, dass ich noch nie einen Otaku angesprochen habe und auch nie einen in meinem näheren Umfeld hatte…vielleicht sind sie ja ganz nette Kerlchen, aber wenn man vom ersten Eindruck ausgeht, würde ich sie lieber vermeiden.
Ich selbst mag Manga sehr und habe gedacht, dass ich hier tagtäglich irgendwie damit zu tun bekomme. Dem ist aber nicht so. Ich lese hier weniger Manga als in Deutschland und habe in dem letzten halben Jahr keinen mehr in der Hand gehabt.
Krasse Trends:
Ich ging davon aus Visual Kei ist an der Spitze der Charts und man trifft des Öfteren auf Gothic Lolitas u.Ä. Ich habe bisher nur einen Visual Kei vertreter in den Top-Five gesehen und Gothic Lolitas oder Ähnliche habe ich bisher auch nur in Harajuku und nächster Umgebung gesehen. Der größte Teil der Japaner ist eben doch der „Salary-Man“ im Anzug oder die „OL“ aka „Office Lady“ in Blazer und Rock.
Höflichkeit:
Nicht gegen die Höflichkeit, klar sind Japaner höflich. Aber auch hier trifft man auf Verkäufer und Angestellte, die einen mit einem genervten und desinteressierten Gesicht mit einer langen, höflichen Rede willkommen heißen und einen mit monotoner Stimme darum bitten, eine Mitgliedskarte anzunehmen und bald wiederzukommen. Für mich ist die Höflichkeit eine Fassade, die sein muss, aber keine Höflichkeit ist. Höflichkeit besteht für mich nicht nur aus ordentlicher Anrede. Man bekommt mit, wenn der Gegenüber die Höflichkeit ernst nimmt oder nicht.
Sushi:
Mir wurde auch von jemandem nachgesagt, ich gehe ins Land der Hunde-Esser
Nein, ich bin nicht in China (und auch dort ist das nicht normal)…wenn ich schon die Spezialität anspreche.
Sushi ist beliebt und wird gern gegessen. Ist aber auch hier teuer (auch wenn man es nicht mit den Preisen in Deutschland vergleichen kann) und deshalb steht es nicht auf dem täglichen Speiseplan. Ähnlich wie man den Deutschen hier nachsagt, man trinke jeden Tag Bier (trifft auf den ein oder anderen vielleicht zu
) und ernähre sich hauptsächlich von Würsten.
Die Tatsache, dass der Fisch roh ist, ist vielleicht ein bisschen komisch, wenn man so darüber nachdenkt, aber er ist frisch und wird schon seit Ewigkeiten hier roh gegessen. Außerdem sind die Koreaner krasser…die Essen auch bestimmtes Rindfleisch roh (nicht mein Fall).
Es ist vieles anders, als ich erwartet habe, aber allein das war interessant zu entdecken…Hätte ich das alles vorher gewusst, hätte mir vielleicht eine vier-Wochen-Reise gereicht…aber wer hätte mir das alles sagen sollen?
Davon abgesehen, hab ich auch sehr liebe Menschen getroffen, die Sprache gelernt und kann meine geliebten Manga nun auch in der Originalsprache lesen
xD
Alles super
Hanna sagte,
Juni 18, 2010 um 6:08 pm
Hallo Linda^^
Ich lese schon seit einer Weile deinen Blog und plane selbst ein Austauschjahr in Japan zu machen. Danke, dass du einen Eintrag über dieses Thema gemacht hast, denn ich mache mir Sorgen ob ich Japan auch zu sehr idealisiere, ob das Schulsystem zu sehr auf Drill eingestellt ist und ob Japan viel weniger faszinierend ist als es von hier aus scheint. Könntest du mir da ein wenig Auskunft geben?
Lg,
Hanna